Santorin, der Vulkan und die Entwicklung des Bewusstseins»

Santorin, der Vulkan und die Entwicklung des Bewusstseins»

12:36 26 Juli in Bewusstsein, Deutsch
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Santorin war vermutlich einer der wichtigsten spirituellen Zentren der minoischen Kultur. Mit der Explosion des Vulkans auf Santorin vor ca. 3.600 Jahren, der ursprüngliche Name der Insel ist übrigens „Thera“, veränderte sich nachhaltig die Geschichte Europas. Die Explosion und der darauf folgenden Tsunami waren so mächtig, dass sie auf den umliegenden Inseln in der Ägäis bis nach Sizilien, Ägypten, Griechenland, Syrien und Palästina gewaltige Zerstörungen anrichteten.  Nach Aussage der Wissenschaftler war der aus dem Vulkanausbruch entstandene Tsunami ca. 200 Meter hoch und hatte eine Geschwindigkeit von 500 km/h. Im Anschluss an diesen Vulkanausbruch zerfielen, bis auf Ägypten, alle der alten Reiche. Nach dem Zusammenbruch der alten Strukturen, waren die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. Es war die Geburtsstunde des individuellen Bewusstseins, wie wir es heute kennen. 

Gemäss Julian Jaynes, der an der Princeton University Psychologie lehrte, wurde in der nach-minoischen Zeit das Ende der Zweikammerstruktur des Bewusstseins eingeleitet. Die Zweikammerstruktur beschreibt Jaynes als eine Stufe des Bewusstseins, in der die Menschen fast ausschliesslich den inneren Stimmen folgten, die von der rechten Gehirnhälfte kamen. Diese Stimmen wurden den Göttern zugeordnet und mussten dementsprechend auch befolgt werden. Die jeweiligen Herrscher dieser Kultur- und Bewusstseinsepoche wurden als Stellvertreter der Götter betrachtet und verlangten bedingungslose Unterordnung. Das Zweikammersystem des Bewusstseins hatte damit keine Mühe, da die linke Seite des Gehirns nur soweit entwickelt war, dass es ausführen musste, was die rechte Seite anordnete.

Gemäss Julian Jaynes tauchen die ersten Prototypen der individuellen Psyche, die sich von den göttlichen Stimmen distanzieren konnten, mit dem Zerfall der alten Ordnungssysteme, als Folge des Vulkanausbruchs von Santorin auf. Mit der „Odyssee“, eines der ältesten schriftlichen Mythologien Europas, wird das sich allmählich entwickelnde individuelle Bewusstsein erstmalig dokumentiert. Odysseus, der Held, hört zwar noch die Stimmen der Götter, aber muss ihnen nicht mehr bedingungslos folgen. Die sich von nun an weiter entwickelnde selbst-reflektierende Psyche führt 1000 Jahre später zur Geburt der auf Logik basierenden, griechischen Kultur. 

Julian Jaynes beschreibt den Ursprung des individuellen Bewusstseins durch den Zusammenbruch der Zweikammer-Psyche, die den «Stimmen der Götter» folgt, wie folgt: «Eine heimliche Bühne entsteht, eine des sprachlosen Selbstgesprächs und Mit-sich-zu-Rate-Gehens, die unsichtbare Arena allen Fühlens, Phantasierens und Fragens, ein grenzenloser Sammelplatz von Enttäuschungen und Entdeckungen. Ein ganzes Königreich, wo jeder von uns als einsamer Alleinherrscher regiert, Zweifel übt, wenn er will, Macht übt, wenn er kann. Eine versteckte Klause, wo wir die bewegte Chronik unserer vergangenen und noch möglichen, zukünftigen Taten ausarbeiten können. Ein inneres Universum, das mehr mein Selbst ist als alles, was mir ein Spiegel zeigen kann.»

Mit der Renaissance, in der die griechische Philosophie wiederauflebt, beginnt historisch die linkshemisphärische, auf Wissenschaft und Logik basierenden Kultur, die heute das Leben und Denken fast aller Menschen auf dem Planeten bestimmt. Was einst ein großer Fortschritt in der Bewusstseinsentwicklung war, wird heute zu unserem Verhängnis. Die aktuelle, neurologische Forschung zur unterschiedlichen Funktionsweise beider Gehirnhälften zeigt auf, dass wir mit dem einseitig links-hemisphärischen, auf Logik basierenden Bewusstseins, das vor 3600 Jahren ihren Anfang nahm, in einer Sackgasse gelandet sind. Der englische Psychiater und Neurologe Iain McGilchrist führt in seinem bahnbrechenden Werk  «The Master and his Emissary» die Arbeit von Jaynes weiter. Sein Fazit: Die Reaktivierung der rechten Gehirnhälfte ist zentral für unser zukünftiges Überleben.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen linker und rechter Gehirnhälfte
Der grundlegendste Unterschied zwischen den beiden Hemisphären liegt in der Art der Aufmerksamkeit, der Perspektive, wie sie die Welt betrachten. 

Die Funktionsweise der linken Gehirnhälfte:

  • die Sichtweise der linken Hemisphäre ist individualistisch, d.h. andere ausschliessend, 
  • es gibt nur entweder-oder, nicht ein sowohl als auch.
  • sie ist analytisch und fragmentarisch;  sie kann nicht erkennen, was ihr fehlt. 
  • sie ist in sich selbst gefangen und geht davon aus, dass Logik allein zur Wahrheit führt. 
  • sie kann nicht vertrauen, d.h. sie ist anfällig für Paranoia und sucht vor allem Sicherheit, Macht und Kontrolle. 
  • die linke Hemisphäre ist hauptsächlich auf Nutzen ausgerichtet, die Welt ist für sie eine Maschine. 
  • sie bevorzugt simple Antworten und favorisiert vor allem technische Lösungen.  
  • sie ist hauptsächlich damit beschäftig, für sich selbst Vorteile zu „ergreifen“, den Eigennutz in den Vordergrund zu stellen und alles und jeden zu funktionalisieren.

Die Funktionsweise der rechten Gehirnhälfte:

  • die Sichtweise der rechten Hemisphäre ist inklusiv, sie kennt das Sowohl-als auch, ist integrativ und erkennt tiefere Zusammenhänge und Synergien. 
  • sie ist verantwortlich für die Sinnhaftigkeit unseres Tuns und versteht die Bedeutung von Zusammenhängen.
  • sie hat die Fähigkeit Gesichter, d.h. Mimik, richtig zu interpretieren und ist zuständig für Empathie. 
  • sie kann Muster zu erkennen und ist zuständig für ausdauernde Aufmerksamkeit 
  • sie hat eine andere Sprache als die linke Seite, in der das Sprachzentrum zuhause ist. Sie bringt sich zum Ausdruck über Metaphern, Gefühle, Intuition, Bilder oder Musik, um Einsichten zu vermitteln.
  • Sie ist zuständig für alles, was potentiell möglich ist. Sie kann das Undenkbare denken und das scheinbar Unmögliche möglich machen. 
  • Ihre Fähigkeiten sind nicht Manipulation ausgerichtet, sondern auf Verbundenheit 
  • sie erkennt die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur. 

Die vielfältigen Techniken der transpersonalen Psychologie haben eines gemeinsam: die Aktivierung der rechten Hemisphäre des Gehirns und die Synchronisierung beider Gehirnhälften. Gegenüber der klassischen Psychologie, die 150 Jahre alt ist, kann die transpersonale Psychologie auf 5000 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Hier fließen Methoden aus dem Schamanismus, den spirituellen Traditionen vieler Kulturen,  Bewusstseinstechniken indigener Völker ebenso ein, sowie moderne, ganzheitlich ausgerichtete, integrale Methoden der Potentialentfaltung und Forschungsergebnisse der Neurologie.

Es bleibt zu hoffen, dass es uns gelingt, die rechte Hemisphäre bei möglichst vielen Menschen zu reaktivieren, bevor wir diesen Planeten für uns unbewohnbar machen. Die nächste Stufe der Bewusstseinsentwicklung integriert sowohl das Wissen der linken, als auch die Weisheit der rechten Hemisphäre. Für die Bewältigung der wachsenden Komplexität brauchen wir beide Seiten.  

Ich wünsche allen einen mehr rechts-hemisphärischen,
meditativen, empathischen, inspirierenden, verbundenen und musikalischen Sommer.

Ralph Wilms, Juli 2019

Ralph Wilms

r.wilms@mindchange.ch

Transpersonaler Psychologe & Coach

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