Neuronale Achtsamkeit – Der innere Rhythmus des Gehirns

Neuronale Achtsamkeit – Der innere Rhythmus des Gehirns

19:31 18 Dezember in Gesundheit
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Wege aus der mentalen Verstopfung

„Wem Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit,
der ist befreit von allem Streit.“ Jacob Böhme (1575-1624)

Unser Gehirn braucht immer mal wieder eine Neuro-Pause. Genauer gesagt, sollten wir dem Gehirn alle 90 Minuten eine Ruhephase von 15-20 Minuten gönnen. Nach 1½ Stunden nämlich setzt ein Mechanismus ein, der bewirkt, dass das Gehirn in einen Regenerationszyklus eintritt, vorausgesetzt wir bemerken es und lassen es zu. In dieser Neuro-Pause werden Selbstheilungsprozesse im Körper aktiv und das Gehirn kann Unwichtiges löschen, um danach wieder Informationen aufnehmen und verarbeiten zu können. Dieser 20 minütliche Bio-Rhythmus wird von den meisten gar nicht mehr wahrgenommen, denn das unbewusste, kollektive Credo der Hochleistungskultur glaubt an „permanente Betriebsamkeit“. Da kaum bekannt ist, dass das Gehirn nach 90 Minuten eine Pause braucht, überfluten wir es ständig mit neuen Informationen.

Das Gehirn ruft leise: „Timeout! Mentale Verstopfung!“
Wenn Menschen versuchen zu meditieren, erleben sie als erstes „mentale Verstopfung“. Da ist kein Raum im Kopf und auch kein Gedanken-Abfluss. Es gibt weder einen Knopf, um das innere Radio abzuschalten, noch eine Fernbedienung, um den Film im Kopfkino zu wechseln. Das deutlichste Muster, an dem wir erkennen, dass es mal wieder an der Zeit wäre, nichts zu tun, ist, dass wir den Fokus wechseln. Vom Laptop zum Handy, vom Handy ins Internet, vom Internet zum Manuskript, vom Papier zum Gespräch, vom Gespräch in die Sitzung, von der Sitzung wieder zum Laptop, usw. Zwischendurch dann den Espresso, ein kleiner Snack und schon geht’s weiter zum nächsten Fokus. Was wir in diesem „Rush“ überhören, ist der leise Ruf des Körpers und des Gehirns nach einem „Timeout“. Wir surfen auf einer Adrenalinwelle, die das System auf Dauer in die Erschöpfung führt.

Die umgekehrte REM Phase
In den 50iger Jahren waren es zwei US-Professoren, Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman an der University of Chicago, die entdeckten, dass wir jede Nacht nach 90 Minuten Tiefschlaf in eine 20-minütige REM-Phase wechseln. Dieser Rhythmus wird die gesamte Zeit des Schlafes beibehalten, d.h. wir träumen alle 90 Minuten intensiv, egal ob wir uns daran erinnern oder nicht. In der REM Phase (REM= Rapid Eye Movement) wechselt das Gehirn immer wieder schnell von einer Hemisphäre zur anderen. Wenig bekannt ist die Tatsache, dass dieser Rhythmus auch während des Tages weiterläuft, einfach umgekehrt. Wenn wir uns also auch am Tage mit diesem inneren Bio-Rhythmus des Gehirns synchronisieren, profitiert nicht nur unsere Konzentrationsfähigkeit und das Immunsystem, auch die Kreativität steigt. Gehirn und Körper können sich in diesen 15-20 Minuten optimal erholen.

Symptome:
Was sind die subtilen Signale, die uns helfen können den täglichen Rhythmus des Gehirns zu erkennen und uns besser mit ihm zu synchronisieren?

  • Abwesender, leerer Blick, in eigenen Gedanken verloren sein
  • Gähnen, tiefe Atemzüge, irritierende Spannungen im Körper
  • Bedürfnis sich zu strecken oder zu bewegen, niedriger Energiepegel
  • Magenknurren, plötzlicher Hunger, Schluckauf, Rülpser
  • Ausblenden der Außenwelt, schläfrig, zerstreut, gereizt, unzufrieden
  • Absinken der Konzentrationsfähigkeit; nicht mehr zuhören können; Tippfehler; Gedächtnisstörungen
  • Informationen können nicht mehr verarbeitet werden. Beispiel: eMails müssen ein 2. Mal gelesen werden, um den Inhalt zu verstehen.

Viele Menschen haben den Kontakt zu den natürlichen Rhythmen der Regeneration und Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichtes verloren. Der Preis dafür, wenn wir die subtilen Signale des Körpers und des Gehirns ignorieren sind: Stress, Hyperaktivität, zwanghaftes Verhalten, übermäßiger Druck in der Interaktion mit anderen, Reizbarkeit, Wutausbrüche, Ungeduld und egozentrisches Verhalten.

Der Weg in die Gesundheit und Erhaltung der Leistungsfähigkeit.
Der erste Schritt besteht in der Beobachtung der subtilen Zeichen der Ermüdung und die Entscheidung, diese nicht mehr zu ignorieren. Da die Signale subtil sind, werden sie oft von den stärkeren Reizen der Außenwelt übertönt. Jetzt unbedingt das Handy, bzw. Messages, ignorieren und eine ruhige Umgebung aufzusuchen. Je weniger Aussenreize, umso besser kann man sich nach Innen wenden. Im Idealfall hat man einen bequemen Sessel oder sogar ein Sofa, auf dem man sich entspannen und die Augen schließen kann. Eine kurze Meditation, wirklich gar nichts tun, tief durchatmen, gähnen oder das innere Körpergefühl erforschen, Arme und Beine strecken, sich einen kleinen Spaziergang gönnen, den Kontakt zur Natur suchen oder einfach aus dem Fenster schauen, sind alles Maßnahmen, die uns helfen können, uns mit den inneren Rhythmen zu synchronisieren.
Der Verstand mag Ihnen auf die empfohlenen Vorschläge antworten, dass das für Sie nicht umsetzbar ist, aber lassen Sie sich davon nicht beeindrucken. Wir alle neigen dazu, unseren Tag mit Terminen und Aktivitäten vollzustopfen, aber kaum jemand kann uns daran hindern, alle 90 Minuten einen 15-20-minütigen Termin mit uns selber zu machen ! Beginnen Sie damit, diesen Pausen in ihrem Terminkalender einen festen Platz einzuräumen. Wenn Sie am Nachmittag ein Energieloch haben, reservieren Sie dort eine größere Neuro-Pause für sich selbst! Wenn Sie viel sitzen, machen Sie einen Spaziergang oder eine Bewegungs-Pause. Sie werden feststellen, dass es Ihnen dann nicht nur besser geht und sie mehr Energie haben, sondern dass auch Ihre Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit steigen. Warten Sie nicht auf Weihnachten, um sich vom Stress der nächsten Monate zu erholen. Sie wissen, dass das keine gute Idee ist. Gönnen Sie Ihrer Seele, Ihrem Körper und Ihrem Gehirn immer wieder, während eines Tages, ein tiefes Atemholen.

Neuronale Achtsamkeit für Fortgeschrittene
Wer den inneren Rhythmen des Gehirns konsequent folgt, verhindert nicht nur Burnout und Krisen, sondern wird mit einer immer tiefer werdenden Präsenz der Seele belohnt. Das führt insofern zu einem anderen Lebensgefühl, als dass die Dimension des Seins ständig mehr Raum einnehmen darf. Die Kreativität und innere Führung nimmt zu, der Körper verjüngt sich und eine umfassende Gelassenheit ist immer präsent. Wenn wir Menschen jeweils aus der Tiefe unseres Seins begegnen, brauchen wir viel weniger Zeit, um Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Gleichzeitig fühlen sich unsere Gesprächspartner auch in kurzen Begegnungen wirklich wahrgenommen. Wenn man aber nur halb da ist, weil nicht im Sein verankert und vom eigenen Denken absorbiert, gibt man anderen nie genug. Sie werden immer hungrig sein nach erneuter Aufmerksamkeit oder Zuwendung. Dies zu begreifen bedeutet, die Dimension des Seins in jedem Augenblick zum größten Geschenk für sich selbst und für andere werden zu lassen.

Ralph Wilms

r.wilms@mindchange.ch

Transpersonaler Psychologe & Coach

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