Der gedankenfreie Raum

Der gedankenfreie Raum

14:26 30 März in Deutsch, Unkategorisiert
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Sobald wir in einen gedankenfreien Raum eintauchen, auch wenn es nur wenige Minuten sind, beruhigt sich unser Gehirn und mit ihm unser Organismus. Alle Entspannungs- und Meditationstechniken suchen, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund, diesen Ort der Stille. Die Natur bietet uns diesen Ort gratis. Ob es die Weite des Meeres, die wuchtige Dimension der Berge oder der endlose Raum beim Blick des sternübersäten Nachthimmels, die erhabene Schönheit der Natur hilft uns, die Bedeutungslosigkeit des eigenen Denkens und Dramas zu erkennen.  Sie setzt unsere Gedankenspiele über das Leben und seine Probleme in die richtige Relation. Wenn wir genauer analysieren, was passiert, wenn die Gedanken für einen Augenblick aufhören unsere Aufmerksamkeit einzufordern, wird klar, dass das Innehalten – nebst der Entspannung – auch einen Moment der Selbstvergessenheit erzeugt.  In diesen Momenten hört der innere Dialog einfach auf und mit dem zeitweiligen Verschwinden des inneren Dialogs, verschwindet auch die Selbstreferenz. Wir werden nicht nur gedankenlos, sondern auch selbst-los. Es ist das Ende der inneren Welt oder neurologisch betrachtet das Ende des narrativen Modus, in dem wir uns dauernd auf unsere Gedanken über die Welt beziehen, statt die Realität ungefiltert so wahrzunehmen, wie sie faktisch ist.

Wenn der automatisierte, narrative Modus seine Faszination verliert, schwindet auch die Bedeutung und Attraktivität der eigenen Gedankenwelt: Urteile, Kommentare, Überzeugungen und Selbstgespräche, die das Gehirn fortwährend produziert. „Kein Selbst, kein Problem“ ist die kürzeste Definition, die ein buddhistischer Mönch einst einem Suchenden gab, der wissen wollte, was die Essenz des Buddhismus ist. Wenn man sich nicht mehr in seinen Gedanken verliert (=narrativer Modus), d.h. sie mit einer gewissen Leichtigkeit an sich vorbeiziehen lassen kann, ohne sich weiterhin mit ihnen zu identifizieren, erlangt man mentale Freiheit. Mentale Freiheit ist aber gleichzeitig auch Freiheit vom Ich. Denn das Ich ist eine mentale Konstruktion unseres Gehirns, das Konglomerat aus Milliarden von Eindrücken, die in unseren Neuronen und in unserem Körper gespeichert sind.  Das Ende der inneren Welt ist der Beginn einer intensiveren Wahrnehmung der ungefilterten Wirklichkeit, so wie sie tatsächlich ist. Sobald wir die Realität direkt wahrnehmen, erkennen wir die Schönheit des Seins nicht nur in der Erhabenheit der Natur, sondern in jedem Menschen, jedem Lebewesen und jedem Augenblick, den das Leben uns bietet. Nicht umsonst nennt die Neurologie diesen Modus den Direkterfahrungsmodus. Der Zugang zu dieser Direkterfahrung der Wirklichkeit ist einfacher wie wir denken. Man kann sich nicht in ihn hineindenken, man kann nur in ihn hineingleiten, wenn man für einen Moment die Gedanken anhält. Probieren Sie es einfach aus, jetzt. Und dann ziehen Sie diesen gedankenfreien Raum, dieses Jetzt, einfach in die Länge, indem sie sich vollständig auf Ihre Sinne konzentrieren: Sehen, fühlen, hören, riechen und schmecken. Egal welchen Sinn sie nehmen, auch wenn Sie mehreren Sinnen gleichzeitig Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit geben, sie landen automatisch im Direkterfahrungsmodus und alle Ihre Probleme hören auf zu existieren. Denn sie existieren nur virtuell in ihrem narrativen Modus als Gedanken über etwas. Machen Sie diesen wichtigsten Schritt aus dem Verlorensein in Ihre Gedanken jetzt. Steigern Sie aus dem Gedankenzirkus aus. Lassen Sie sich nicht zum Clown ihres Gehirns machen.

Ich weiss, es ist das Ende Ihrer inneren Welt, Ihrer heissgeliebten Selbstreferenz, von der sie glauben, dass Sie es sind, weil Sie davon überzeugt sind, dass es Ihre Identität ausmacht. Aber glauben Sie mir, diese Identität ist völlig fiktiv und meistens problembeladen. Schauen Sie sich doch um, wie es ihren Zeitgenossen geht, die immerzu in ihre Gedanken „abhängen“ und sich das Leben vermiesen, obwohl sie fast alles haben, was man sich nur wünschen kann und sicher alles haben, was man im Leben wirklich braucht. Ich gebe zu, es ist einfacher es beim Gegenüber zu erkennen, als bei sich selbst.

Aber das nächste Mal, wenn Sie einem Menschen gegenüberstehen oder sitzen, der in seinen Gedanken verloren ist, machen sie den Byron Katie Check bei sich selbst. Ist das was Sie gerade denken wirklich wahr? Können Sie mit absoluter Sicherheit sagen, dass das stimmt, was Sie gerade denken? Wie fühlen sich sich, wenn Sie das denken? Wie fühlen sie sich, wenn sie diesen Gedanken einfach fliegen lassen wie einen Drachen und die Schnur, die Sie mit diesem Gedanken verbindet, durchschneiden? Erlauben Sie sich frei zu werden von sich Selbst. Jetzt.

 

Ralph Wilms

r.wilms@mindchange.ch

Transpersonaler Psychologe & Coach

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